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Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: Gedicht

Das gefährliche Königreich

Tolkien_1916.jpgAm 3. Januar wäre er 120 Jahre alt geworden: John Ronald Reuel Tolkien wurde am 3.1.1892 in Bloemfontein (Südafrika) geboren, am 2.9.1973 starb er in Bournemouth.


Zweifelsohne ist sein berühmtestes Werk »Der Herr der Ringe«. Es eroberte die Bestsellerlisten und wurde auch als Verfilmung ein Kassenschlager. Über J.R.R. Tolkiens Hauptwerk lässt sich nicht streiten. Er gilt als Wegbereiter der modernen Fantasy-Literatur, seine Phantasiewelt Mittelerde stattete er mit einer umfangreichen Mythologie und mehreren selbst erfundenen Sprachen aus. Die solide Basis für Tolkiens Geschichten bildet seine berufliche Beschäftigung mit mittelalterlicher Sprache und Literatur. Einige seiner Werke und Gedichte gründen auf mittelalterliche Vorlagen. Für den studierten Sprach- und Literaturwissenschaftler richtete die Universität Leeds im Jahre 1924 eigens eine Professur für englische Sprache ein, 1925 wurde er zum Rawlinson und Bosworth-Professor für Angelsächsisch in Oxford gewählt.


Vielleicht stutzen Sie bereits: Tolkien verfasste auch Gedichte? Ja, so ist es und alle, die den Herrn der Ringe kennen, sind auch bereits mit einigen der schönsten vertraut. Erinnern Sie sich:


Three Rings for the Elven-kings under the sky,

Seven for the Dwarf-lords in their halls of stone,

Nine for Mortal Men doomed to die,

One for the Dark Lord on his dark throne

In the Land of Mordor where the Shadows lie.

One Ring to rule them all, One Ring to find them,

One Ring to bring them all and in the darkness bind them

In the Land of Mordor where the Shadows lie.


Auf Deutsch:


Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,

Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,

Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,

Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron

Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,

Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden

Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.


Auch in anderen Erzählungen ist die phantastische Poesie Tolkiens deutlich spürbar. Er verfasste sogar eine Ballade, in der er von den Abenteuern Tom Bombadils erzählt!


Tolkiens Gedenken zu Ehren haben wir ein Hörspiel ins Programm aufgenommen, auf dem zahlreiche seiner Geschichten zum Schwelgen einladen: »Geschichten aus dem gefährlichen Königreich« heißt die Sammlung aus sieben CDs.


Der Schriftsteller, Journalist und Radiosprecher Gert Heidenreich liest die poetischen Gedichte aus dem Roten Buch. Er verzaubert mit eben jener Ballade von Tom Bombadils Abenteuern. Der deutsche Theater- und Filmschauspieler Ulrich Noethen entführt uns in die Welt des kleinen Hundes "Roverandom", die Geschichte von "Bauer Giles" erzählt Hans Paetsch, der als Schauspieler, Regiesseur und Synchronsprecher berühmt wurde. Achim Höppner, dessen Stimme ebenfalls aus Film, Funk und Fernsehen bekannt ist, war bereits die deutsche Synchronstimme von Gandalf im Herrn der Ringe. Im Hörbuch »Geschichten aus dem gefährlichen Königreich« liest er die magische Geschichte von einem Jungen, der den "Elbenstern" findet.


Als Sonderausgabe finden Sie dieses umfangreiche Hörspiel für weniger als 17 Euro bei uns im Angebot!


Hörbuch "Geschichten aus dem gefährlichen Königreich" bei Jokers


Bild: J. R. R. Tolkien/wikimedia

01.02.2012, 16.02 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Liebeserklärung an den Juni

Sie wissen ja schon um meine ausgeprägte Lyrik-Affinität. Eine Zeitlang machte ich es mir sogar zur Aufgabe, jeden Monat ein passendes Gedicht nicht nur erneut zu lesen, sondern auswendig zu lernen. Auswendig lerne ich heute meine »Monatsgedichte« zwar nicht mehr, aber dennoch gönne ich mir nach wie vor mein monatliches Gedicht. Im Juni allerdings fällt es mir schwer, mich zwischen zwei Gedichten zu entscheiden. Und deswegen möchte ich Ihnen heute beide vorstellen, von Poeten, die trotz aller Unterschiede in ihrer Liebeserklärung an diesen magischen Monat verbunden sind.


Erich Kästner


Der Juni


Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.

Kaum schrieb man sechs Gedichte,

ist schon ein halbes Jahr herum

und fühlt sich als Geschichte.


Die Kirschen werden reif und rot,

die süßen wie die sauern.

Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,

so sehr wir es bedauern.


Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.

Aus Herrlichkeit wird Nahrung.

Aus manchem, was das Herz erfuhr,

wird, bestenfalls, Erfahrung.


Es wird und war. Es war und wird.

Aus Kälbern werden Rinder

Und weil's zur Jahreszeit gehört,

aus Küssen kleine Kinder.


Die Vögel füttern ihre Brut

und singen nur noch selten.

So ist's bestellt in unsrer Welt,

der besten aller Welten.


Spät tritt der Abend in den Park,

mit Sternen auf der Weste.

Glühwürmchen ziehn mit Lampions

zu einem Gartenfeste.


Dort wird getrunken und gelacht.

In vorgerückter Stunde

tanzt dann der Abend mit der Nacht

die kurze Ehrenrunde.


Am letzten Tische streiten sich

ein Heide und ein Frommer,

ob's Wunder oder keine gibt.

Und nächstens wird es Sommer.



Max Dauthendey


Leuchtkäfer ziehen durch die Juninacht


Leuchtkäfer ziehen durch die Juninacht

Wie Blicke, die ins Dunkel fliehen,

Ist dort im Abendlaub ein sacht Gefunkel -

Leuchtkäfer ziehen durch die Juninacht.


Ich möchte mich ins Gras hinknien

Still wie ein Schäfer, der die Welt vergisst

Und nur ein Traum bei hellen Blicken ist,

Von denen keiner Dir am Tage lacht;

Die nur in vager Heimlichkeit entstehen

Und über schwüle Abendwiesen gehen,

Von einer heißen Nacht zur Welt gebracht.

Ich hab' zu jenen Blicken ein Gesicht erdacht

Von zager Schönheit, dass der Tag nicht wagt

Mehr aufzusehen, und allein die Nacht

Tastend mit sachten Lichtern sucht und fragt.







29.06.2011, 16.48 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Intrinsisch

Sollte Ihnen die Unterscheidung der Begriffe »extrinsische oder intrinsische Motivation« bislang schwer gefallen sein, habe ich eine einleuchtende Merkhilfe für Sie: Typisch extrinsisch motiviert ist zum Beispiel ein Schüler, der für eine Schularbeit lernt, um eine gute Note zu erhalten. Oder wenn ein Sportler für einen Marathon trainiert, den er gewinnen will. Bei der intrinsischen Motivation ist es etwas komplexer: Denn welches Verhalten ist heutzutage nicht in irgendeiner Form durch die Umwelt verstärkt, zieht also positive oder negative Konsequenzen nach sich?


Intrinsisch kann ich mit der Geschichte meines Freundes Sebastian erklären. Er reiste kürzlich nach Amsterdam. Dort fiel ihm eine Postkarte in die Hände: »Gedichtendag 2011« stand da drauf. Sebastian kann kein Niederländisch, aber dass das »Gedichtetag 2011« heißen sollte, so viel konnte er interpretieren. Doch leider verstand er von dem Gedicht, das auf die Postkarte gedruckt war, so gut wie kein Wort der Titel allerdings war auf Englisch: »Forgotten fields« von Remeo Campert aus »Een oud geluid«.


Sebastian wurde neugierig: Um was mochte es in diesen Zeilen gehen? Auf was spielte der Titel an? Er nahm die Postkarte mit zu einem befreundeten Schiffskapitän, einem Holländer, der auch Englisch und ein wenig Deutsch sprach, und bat um eine Übersetzung. Doch der Seefahrer hatte nach eigenen Angaben nicht viel mit Gedichten am Hut. Er bemühte sich zwar, die Worte für Sebastian zu übersetzen, doch wirklich Sinn ergaben sie nicht von einer Bar war in dem Gedicht die Rede, von portugiesischem Wein und von vergessenen Feldern. Sebastian war frustriert: Der Sinn des Gedichts erschloss sich ihm nicht. Und dabei musste es sich doch um ein tiefsinniges, hintergründiges Werk handeln, war es doch schließlich das Aushängeschild für den diesjährigen Gedichtetag in Amsterdam!


Also beschloss er, sich zu Hause für einen Sprachkurs in Niederländisch anzumelden. Er wollte, er musste den Inhalt dieses Gedichts so klar selbst verstehen, dass er seinen Sinn oder Unsinn eigenständig erkennen konnte!


Das ist intrinsische Motivation: Eine andere Belohnung als das Glücksgefühl, das Sebastian haben wird, ist er einmal in der Lage, das Gedicht selbst zu lesen, wird ihn nicht erwarten und dennoch nimmt er die Strapazen auf sich, eine vollkommen neue Sprache zu lernen. - Wann haben Sie das letzte Mal etwas gemacht, das gänzlich intrinsisch motiviert gewesen ist? Schreiben Sie es uns!


04.04.2011, 14.27 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Der Ruf vergangenen Glücks

Es heißt, ein Freund sei jemand, der dir die Melodie deines Herzens vorsingt, wenn du sie selbst vergessen hast. Wie ich jetzt feststellte, gilt das auch für Bücher. In meinem Fall für »Der Club der toten Dichter« von Nancy H. Kleinbaum. Ich hatte ganz vergessen, welche glückliche Bestätigung meiner Gedankenwelt mir dieses Buch schenkte, das ich vor langer Zeit gelesen habe.


Die Freude an Poesie und Kreativität, das Entwickeln eigener Gedanken und nicht zuletzt das Betreten neuer, unerforschter Wege, all dies pflanzte mir der unkonventionelle Lehrer Keating damals ins Herz. Am prägendsten jedoch war seine Forderung nach Individualität. Natürlich pflügte ich mich begierig durch alle Literaturverweise des Buches. Ich verlor und fand mich in Henry David Thoreaus »Walden«, entdeckte in den Gedichten Robert Frosts die Freude am Außergewöhnlichen und lernte seinerzeit gar ganze Textpassagen wie auch den Schlussmonolog des Waldelfs Puck aus Shakespeares »Sommernachtstraum« auswendig.


Heute, Jahrzehnte älter, sehe ich die Welt aus erwachsenen Augen. Leise und unmerklich hat sich die Poesie aus meinem Leben geschlichen. Wo früher verheißungsvolle Geheimnisse des Alltags auf mich warteten, plagen mich heute manchmal Sorgen um Geld, Job, Familie. Blickte ich damals mit Freude in die Zukunft, halten mich heute Zukunftsängste so manche Nacht wach.


Doch das ist ja das Schöne an der Literatur, dass sie immer ein wenig des vergangenen Glücks speichert und vergessene Träume zurückruft. Denn was bedeutet schon die gemeinsame Steuererklärung, wenn sich meine Frau doch so viel mehr über ein selbstgeschriebenes Gedicht freut...


08.03.2011, 10.45 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Eine Adventsidee

Weihnachtsaum.jpgWie verbringen Sie die Adventszeit? Haben Sie Ihren Kindern einen Adventskalender voll leckerer Schokolade besorgt, entzünden Sie jeden Adventssonntag eine weitere Kerze? Dieses Jahr beschert uns die Vorweihnachtszeit mehr erwartungsvolle Tage: Auf den 4. Advent folgt noch eine fast vollständige Arbeitswoche bis zum Heiligen Abend.

 

Mit meiner Nichte habe ich einen wundervollen Zeitvertreib entdeckt, um uns so richtig für den 24.12. einzustimmen. Unser eigener „Adventskalender“ für die Zeit zwischen dem 19.12. und dem 24.12. hat in den sechs Tagen je ein Gedicht versteckt. Klar, dass es mir obliegt, diese Wintergedichte auszusuchen und bei Kerzenschein vorzutragen. Die Kleine sitzt dann mit leuchtenden Augen im Schneidersitz auf der Eckbank und lauscht den Versen. Ich habe schon einmal ein Gedicht, das mich besonders anspricht, für sie herausgesucht:

Der Traum

von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Ich lag und schlief; da träumte mir
ein wunderschöner Traum:
Es stand auf unserm Tisch vor mir
ein hoher Weihnachtsbaum.

Und bunte Lichter ohne Zahl,
die brannten ringsumher;
die Zweige waren allzumal
von goldnen Äpfeln schwer.

Und Zuckerpuppen hingen dran;
das war mal eine Pracht!
Da gab's, was ich nur wünschen kann
und was mir Freude macht.

Und als ich nach dem Baume sah
und ganz verwundert stand,
nach einem Apfel griff ich da,
und alles, alles schwand.

Da wacht' ich auf aus meinem Traum,
und dunkel war's um mich.
Du lieber, schöner Weihnachtsbaum,
sag an, wo find' ich dich?

Da war es just, als rief er mir:
"Du darfst nur artig sein;
dann steh' ich wiederum vor dir;
jetzt aber schlaf nur ein!

Und wenn du folgst und artig bist,
dann ist erfüllt dein Traum,
dann bringet dir der heil'ge Christ
den schönsten Weihnachtsbaum.

 

 

 

 Bild: ©tokamuwi/PIXELIO

15.12.2010, 10.35 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Gedichte gegen die „Innenweltverwüstung“

Unfreundliche Schuhverkäuferinnen, pöbelnde Autofahrer, intrigante Nachbarn – ich will erst gar nicht damit anfangen, über die Verrohung der Menschen zu klagen. Dennoch werde ich mich nie daran gewöhnen, dass man mit Ellenbogen und Aggression scheinbar weiterkommt als mit Freundlichkeit. Aber was hilft dagegen? Die Mitmenschen weiterhin nett behandeln? Achtsam und mitfühlend mit dem sozialen Umfeld umgehen, wie mir gestern mein Glückskeks riet?

 

apfelbaum.jpgMichael Ende hatte einen sehr schönen Begriff für dieses Verrohungsphänomen. Er nannte es die Innenweltverwüstung. Das beste Mittel gegen die eigene Verrohung sei es, gleich einem inneren Bäumepflanzen gute Gedichte zu schreiben. „Man pflanzt nicht nur einen Baum, um Äpfel davon zu haben, sondern ein Baum ist einfach schön, und es ist wichtig, dass er das ist, nicht nur, weil er zu etwas nütze ist. Und so ist das, was viele Schriftsteller, nicht viele, aber doch einige Schriftsteller und Künstler versuchen, nämlich einfach etwas zu schaffen, was dann da ist und was gemeinsamer Besitz der Menschheit werden kann - einfach, weil es gut ist, dass es da ist.“

 

Mein letztes Gedicht ist zugegeben schon lange her. Doch gleich heute Abend werde ich Stift und Papier zur Hand nehmen und wieder eines versuchen. Was draus wird, kann ich nicht sagen. Aber es ist sicher besser, Gedichte zu schreiben, als sich sinnlos über die Welt aufzuregen.


Bild: Andreas Hermsdorf/pixelio.de

08.12.2010, 11.27 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Gedichte gegen die WM

Friedrich_hoelderlin_kl.jpgAlso jetzt, wo so langsam an Urlaub und faule Nachmittage auf der Gartenliege zu denken ist (und gerade mal kein WM-Fußball läuft), brauchen Sie natürlich eine entsprechende Lese-Empfehlung. Eine, die nicht schwer im Magen liegt und trotzdem anspruchsvoll ist. Da passt die kurze Form doch besonders gut – sprich: Gedichte.

Friedrich Hölderlin „Hundert Gedichte“ möchte ich Ihnen da ans Herz legen. Ob Dichtung über Natur oder Freundschaft, über die Liebe oder die Jahreszeiten, alles ist in diesem wunderschönen Bändchen zu finden.

Um 1800 entstanden gelten Hölderlins Werke in der Literaturgeschichte als einer der Höhepunkte der europäischen Poesie. Der Poet machte auch die Bekanntschaft der Dichtergrößen Goethe und Schiller. Aber ich möchte hier nicht zu viel Ehrfurcht verbreiten, die sprachliche Schönheit der Dichtung Friedrich Hölderlins erschließt sich auch so.

Um das Leben des Dichters aus Lauffen am Neckar ranken sich viele Geschichten und Mythen. Kein Wunder, denn immerhin verbrachte er 36 Jahre im später nach ihm benannten „Hölderlin-Turm“ in Tübingen, offenbar dem Wahnsinn verfallen. Jahrelang hatte er sich zuvor als Hauslehrer bei vermögenden Familien durchgeschlagen und nebenbei seine Werke verfasst. Auf einer dieser Stellen traf er auch seine große Liebe Susette Gontard, eine Frankfurter Bankiersgattin. In der Figur der „Diotima“ seines berühmten Briefromans „Hyperion“ erlangte sie literarische Unsterblichkeit.

Friedrich Hölderlin hat viele spätere Dichter mit seinem Werk beeinflusst, etwa Stefan George oder Ingeborg Bachmann. Eine schillernde Dichterpersönlichkeit also, die uns ein Werk von großer Intensität und Schönheit hinterlassen hat. Genießen Sie die „Hundert Gedichte“ des Ausnahme-Dichters – quasi als literarisches Ausgleichsprogramm zur WM.

„Hundert Gedichte“ von Friedrich Hölderlin bei Jokers

Bild Friedrich Hölderlin: wikimedia


09.07.2010, 11.39 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Träumereien

als_haett_der_himmel.jpgEs ist Frühling, das ist keine Neuigkeit. Ich würde es auch ohne meine Frau bemerken. Aber mit meiner Frau ist es bedeutend einfacher mitzukriegen, dass es an der Zeit wird, die dicken Jacken und Schals auf dem Dachboden verschwinden zu lassen. Und das liegt keineswegs nur daran, dass sie nun wieder beginnt, sich luftiger zu kleiden.
Nein, den Frühling merke ich bei uns zuhause vor allem daran, dass meine Frau trällernd durch die Zimmer schwebt, Blumen kunstvoll in Vasen arrangiert, abends mit großen Augen auf dem Balkon steht, um den Vollmond zu bewundern – und dass sie sich ein neues Hobby sucht. Alle Jahre wieder.
Ja, Frühling ist Zeit für den Neubeginn, für den Aufbruch, für das Anstrengen neuer Unterfangen. Und er läutet eben auch die Phase ein, in der meine Frau nach einem frischen Zeitvertreib sucht.
Seltsame Tätigkeiten wurden da im Laufe der Zeit schon ausprobiert – ich verstehe immer noch nicht, weshalb sie unbedingt den Schweißerkurs machen musste oder weshalb das Seminar in Wünschelrutengehen nötig war, aber sei´s drum – diese Saison hat sie tatsächlich etwas in meinen Augen sehr Schönes aufgetan: Sie kombiniert nun nämlich ihre Leidenschaft für Poesie mit der Aquarellmalerei.

Ein Beispiel: Sie liebt seit jeher die „Perle der Perlen“, wie Thomas Mann die „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff nannte: Und mit diesen Klängen im Ohr schwingt sie ihren Pinsel, so dass er wie von selbst über das Papier tanzt, und bringt ihre Emotionen, die Eichendorffs Verse in ihr wachrufen, so zum Ausdruck. Traumhaft!

Mondnacht
Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.
 
Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.
 
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Für alle, die nicht ganz so begabt mit dem Pinsel sind, haben wir ein wunderschönes Büchlein im Programm: „Als hätt der Himmel die Erde still geküsst“ heißt der Geschenkband, in dem die schönsten Gedichte Eichendorffs von zauberhaften Fotoimpressionen begleitet werden.

16.04.2010, 10.08 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Selbstgewählte Einsamkeit

Zufällig hörte ich neulich im Fernsehen ein paar Zeilen von Emily Dickinson (1830 bis 1886):

„Da ist ein Licht,
das schräg sich neigt
an Wintertagen,
schwer wie das Gewicht
von kathedralen Klängen.
Und wenn es kommt,
hört alle Landschaft zu.
Schatten halten den Atem an,
wenn es vergeht.“

In diesen Tagen, in denen der Hochnebel wie über den Dächern festgefroren wirkt, die Vögel frierend in den Bäumen kauern und von Frühlingserwachen weit und breit keine Spur ist, trifft sie den Nagel auf den Kopf. Jedes Mal, wenn ich über die amerikanische Schriftstellerin nachdenke, die seit ihrem 20. Lebensjahr das Leben einer menschenscheuen Einsiedlerin führte, staune ich. Denn obwohl sie kaum Kontakt zu Menschen pflegte und ihr Zimmer bis zum frühen Tod mit 56 Jahren kaum verließ, schuf Dickinson ein mannigfaltiges Gedankenwerk, das noch heute seinesgleichen sucht: Nach ihrem Tod entdeckte man 40 handgebundene Bücher mit über 800 Gedichten von ihr.

Dieser Gedanke spendet mir immer wieder Trost, wenn ich denke, noch nicht genug von der Welt gesehen zu haben. Denn genau dagegen steht Emily Dickinsons legendärer und wunderschöner Satz: „To make a prairie it takes a clover and a bee, one clover, and a bee, and revery. The revery alone will do, if bees are few.”


(Geschrieben von Matthias Stöbener)

26.02.2010, 08.45 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Eduard Mörike: eine Empfehlung

Eduard MörikeAm 8.September wäre er 205 Jahre alt geworden: Eduard Mörike wurde am 8. September 1804 in Ludwigsburg geboren. Er starb am 4. Juni 1875 in Stuttgart. In Ludwigsburg besuchte er die Lateinschule, ab 1818 wechselte er zum Seminar in Urach. 1826 begann er als Vikar seine Tätigkeit in Nürtingen, dann arbeitete er 1827/1828 zwei Jahre lang als Zeitschriftredakteur. Von 1834-1843 war er Pfarrer im Ort Cleversulzbach.

Eduard Mörike wurde vorzeitig pensioniert, in dieser Zeit „jobbte“ er als Literaturlehrer in Stuttgart, 1855 war er Hofrat und 1856 erhielt er eine Professur. Ab 1871 lebte er wieder in Stuttgart.

Ich persönlich mag manche seiner Gedichte sehr gerne, bekannt wurde Eduard Mörike aber vor allem mit seinen Erzählungen und Prosatexten wie „Mozart auf der Reise nach Prag“ oder den „Brautbriefe“. Seine Mozart-Erzählung bieten wir Ihnen als umfangreiches Hörbuch auf drei CDs an, auch die Brautbriefe finden Sie in unserem Programm. Ich will Ihnen aber an dieser Stelle eines seiner Gedichte vorstellen:

Nimmersatte Liebe

So ist die Lieb! So ist die Lieb!
Mit Küssen nicht zu stillen:
Wer ist der Tor und will ein Sieb
Mit eitel Wasser füllen?
Und schöpfst du an die tausend Jahr,
Und küssest ewig, ewig gar,
Du tust ihr nie zu Willen.

Die Lieb, die Lieb hat alle Stund
Neu wunderlich Gelüsten;
Wir bissen uns die Lippen wund,
Da wir uns heute küssten.
Das Mädchen hielt in guter Ruh,
Wie's Lämmlein unterm Messer;
Ihr Auge bat: nur immer zu,
Je weher, desto besser!

So ist die Lieb, und war auch so,
Wie lang es Liebe gibt,
Und anders war Herr Salomo,
Der Weise, nicht verliebt.

Wenn nun auch Sie Gefallen an den poetischen Gedanken von Eduard Mörike gefunden haben, lege ich Ihnen den Band „Hundert Gedichte“ ans Herz: Hier finden Sie traumhafte, manchmal heitere, manchmal melancholisch-nachdenkliche Verse des genialen Poeten.


(Geschrieben von Matthias Stöbener)

22.09.2009, 08.44 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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