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Wohin rollen die Steine?

The Rolling Stones.jpgIch war 16 Jahre alt, als ich zum Schrecken meiner Eltern die erste selbst gekaufte Schallplatte nach Hause brachte. Eine 45er, eine Single. Also eine kleine gerillte Scheibe mit 17 Zentimeter Durchmesser, die mit 45 Drehungen in der Minute auf dem gummibelegten Plattenteller rotierte. In der Mitte dieser Single war ein großes Loch, das mit einer so genannten Spinne zu einem kleinen Loch reduziert wurde, damit sich die Scheibe auf dem kleinen metallenen Stift in der Mitte des Plattentellers schön regelmäßig drehen konnte. Normalerweise lagen auf dem Teller des Plattenspielers meiner Eltern, einem damals supermodernen Zehnplattenwechsler der Marke Dual, die Single von Fred Bertelmann mit seinem „Lachenden Vagabund" oder von Heidi Brühl der Titel „Wir wollen niemals auseinander gehen" oder Renè Carols „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein". Aber auf meiner Scheibe waren die Rolling Stones zu hören. Infernalischer Lärm, auch Beat-Musik genannt, Titel: „The Last Time". Oder später die Krawall-Kollegen mit den vier Pilzköpfen namens „The Beatles" aus Liverpool.

Ausgerechnet ich, ein brav erzogener, Sonntags in die Kirche gehender braver Junge, schockierte meine Eltern mit dem Gebrüll englischer Musiker. Meine Eltern waren tolerant. Ich durfte die Scheibe anhören, während sie das Zimmer verließen. Und wenn ich die Rückseite spielte, „Play With Fire", eine wunderbare Ballade, die ich auch heute noch sehr liebe, schloss meine Mutter die Zimmertüre nicht ganz so heftig wie bei dem krachigen Song von der Seite A der Single. Unglaublich - aber wahr: Damals war man noch mit zwei Liedern zufrieden. Die nudelte man eben Tag und Nacht herunter. Das war toll, sensationell. Und wunderbar: Alle über 16 schüttelten verständnislos den Kopf, waren sauer und verstanden nicht, was diese wahnsinnige Scheibe mit den langhaarigen Schreihälsen für uns bedeutete, die wir zu Hause, auf der Party oder mit dem Kofferplattenspieler im Freibad oder am Baggersee hörten.

MASTER OF ROCK.jpgUnd heute? Heute werden auf einem MP3-Player hunderte, gar tausende Songs heruntergenudelt. Damals wurde der Beat die „britische Sound-Invasion" genannt. Heute bohrt sich die Sound-Invasion durch den MP3-Player durch die Gehörgänge. Jederzeit durch Knopfdruck abrufbar und mit der Shuffle-Funktion in beliebiger Folge abspielbar. Stundenlang. „The Last Time" dauerte knapp drei Minuten. Dann musste die Single vom Plattenspieler genommen und umgedreht werden, damit „Play With Fire" dran kommen konnte. Der Stones-Sound war damals im normalen deutschen Radio-Programm tabu. Abgesehen von Hitparaden für die Jugend. Ein Mal in der Woche.

Am Anfang ihrer Karriere spielten die Rolling Stones in London vor fünfzig Leuten in einem Club. Zwei Jahrzehnte später konnte ich die Stones dann schon im Supermarkt hören, als ich die Kühltruhe nach Essbarem durchsuchte. Ich war schockiert. Der Sound der Revolution im Kaufparadies! Aber warum sollte das nicht sein? Und bald spielten die Stones für die ganze Familie in Stadien. Keine Eltern liefen mehr davon. Im Gegenteil, sie schleppen ihre Kids rein. Gestern las ich im Internet eine Anzeige: „Erleben Sie das Konzert des Jahres wie ein Roadie. Das bietet Ihnen nur die Amercian Express: Backstage-Zutritt zu den Rolling Stones bei ihrer 2006-Tour A Bigger Bang." Unglaublich - aber wahr! Vom Bürgerschreck zum Wirtschaftsfaktor! Die Stones brachten noch viele Songs heraus. Die Beatles auch und die Who und die Kinks und die Troggs und Deep Purple und Led Zeppelin und Queen und die Sex Pistols und Duran Duran und U2 und und und. Ein Strom nicht endender starker Musik riss mich mit.

Vielleicht sollte ich mir den neuesten MP3-Player zulegen, mit einer Speicherkapazität von über 10.000 Songs? Und dann mit American Express bezahlen. Ich studiere wehmütig den Slogan von der Kreditkartenfirma neben einem Mund mit herausgestreckter Zunge: „My life. My Card." Tja, da fehlt doch noch: My Sound. My Feelings. My Dreams. Mick Jagger sang auf meiner ersten Single:„So don't play with me, cause you play with fire … this could be the last time …" Glaubt mir, das ist wahr!

Rock/Pop bei Jokers

04.07.2006, 19.53

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Mario

Wird die Rock-Musik den Kommerz überleben? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die alten Stones mein Herz heute noch höher hüpfen lassen.

vom 16.07.2006, 17.44

Bianka Schmidtlein:
Tatsächlich. Auf jokers.de führt die Sucheing
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Ute Berger:
es ist wirklich schlimm was mit den Handys un
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Gabi Bergermann:
Auweia. Jorges Verhalten erinnert schon sehr
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Anne-Marie Kollmannsberger:
Anti-BILD-Mail-Aktion:Hier klicken
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Gabi Bergermann:
Soso, man ist ein paar Wochen in Mittelamerik
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