
Referate damals und heute
Ich weiß noch genau, wie ich in der 6. Klasse, also in der 1. Klasse des Gymnasiums, mein allererstes Referat halten musste: Über Ariadne sollte ich reden, die Tochter von Minos.Damals arbeitete noch niemand mit Computern, weder die Lehrer noch wir Schüler. Damals war alles etwas anders. Erst kürzlich war ich baff, als ich meine Nichte besuchte und dort eine CD mit lateinischen Versen und Vokabeln im feinsten Rap-Gesang hörte. Ich musste damals alle Wörter in ein Vokabelheft eintragen und mühsam pauken. Hängen geblieben ist wenig, aber meine Nicht kann jetzt bereits „Happy birthday“ auf lateinisch singen.
Damals also hatten wir noch keine Computer. Erst zu meiner Studentenzeit wurde es langsam üblich, Vorträge und Referate mit Computer-Unterstützung auszuarbeiten. Und heute geht alles ganz einfach, in unsrem digitalen Zeitalter.
Meine Nichte wuchs bereits mit Computern auf: Sie ist heute schneller als ich, wenn es darum geht, irgendetwas im Internet zu finden. Und nun ist sie dran mit ihrem ersten Referat: Doch die Kleinen haben die Auflage, dass sie OHNE Laptop-Unterstützung sprechen müssen – mehr oder weniger frei. Ablesen gilt nicht, auch digitale Präsentationen sind nicht erlaubt. Die Kinder müssen sich also vor die Klasse stellen und ohne die schützende Wand eines Monitors sprechen. Natürlich dürfen sie mit Notizen und einer Gliederung arbeiten, doch welches Kind kann denn heute noch ohne digitale Hilfe arbeiten?
Ich habe überlegt, wie wir es früher machten. Wir schrieben Karteikarten mit den wichtigsten Gliederungspunkten. Das war optimal – so hatten wir alle wichtigen Fakten notiert und waren nicht versucht, ganze Paragraphen anzulesen.
Heute gibt es die „Spickzettelbox Referate“: Vollkommen undigital ist diese Box das ideale Hilfsmittel, um Referate vorzubereiten!
(geschrieben von Matthias Stöbener)
23.11.2008, 08.32 | (0/0) Kommentare | TB | PL | einsortiert in: Bücher | Tags: Referate halten, Karteikarten, Spickzettelbox,
Insomnia
„Mann im Dunkel“ heißt das neueste Buch von Paul Auster. Es fand – im Gegensatz zu seinen bisherigen Werken – keine Gnade vor den unbarmherzigen Kritikern der New York Times. Mit der Begründung, Auster würde sich zu wenig an die traditionellen Werte fiktionaler Literatur halten, verriss die Times das Werk. In der Tat erzählt auch sein neuester Roman, wie schon sein letzter („Reisen im Skriptorium“), die Geschichte verwinkelter, weniger linear als ge- wohnt. Aber genau das macht meiner Meinung nach die Brillanz dieser Werke Austers aus. Wie anders als verwinkelt soll man die Geschichte eines durch Krankheit ans Bett Gefesselten erzählen, der Nacht um Nacht an schwerer Schlaflosigkeit leidet? So leidet der Protagonist August Brill in seinem Bett vor sich hin. Die Gedanken drehen sich um seine unglückliche Vergangenheit, um seine Zukunftsangst und um Katastrophen. Er halluziniert von einem amerikanischen Bürgerkrieg, der Millionen Menschen das Leben kostet.
Ein unbedingt lesenswerter Roman für jeden, der die Abgründe kennt, die sich in einer schlaflosen Nacht auftun können.
(geschrieben von Matthias Stöbener)
22.11.2008, 10.23 | (0/0) Kommentare | TB | PL | einsortiert in: Autoren | Tags: Insomnia, Paul Auster, schlaflos,
Adventskalender selber machen
Am vergangenen Sonntag rief mich meine Nichte ganz aufgeregt an: „Onkel, Onkel – in zwei Wochen ist der 1. Advent!“ Ihre Stimme überschlug sich vor lauter Aufregung. „Hast du schon einen Adventskalender für mich? Einen ganz tollen?“Ich blickte aus dem Fenster: Es regnete und dicke Nebelschwaden krochen draußen vorbei. „Eigentlich“ war ich noch kein bisschen in Weihnachts- stimmung, vielmehr fand ich es reichlich verfrüht, dass seit Wochen Lebkuchen und Stollen in Supermärkten angeboten werden. Doch dann blickte ich in den Himmel: Obwohl er bleiern und düster über mir hing, konnte ich spüren, wie etwas in mir sich freudig regte: Ja, es ist bald Weihnachten. Aber: Nein, ich habe noch keinen Kalender für meine kleine Nichte.
Dieses Jahr bin ich davon abgekommen, einen Schoko-Kalender zu besorgen. Die Schokolade ist sowieso nicht ideal für Kinder-Milchzähne. Dieses Jahr werde ich selbst einen Kalender basteln: Ich will meiner Kleinen ein riesiges Adventsplakat schenken, mit 24 Türchen: Hinter jedem Fenster wird sich ein Aphorismus verstecken. Einige Sätze werde ich mir selbst ausdenken, andere Weisheiten werde ich mir von großen Denkern und Philosophen ausborgen. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass es der Advent verdient hat, wieder als stille, besinnliche Zeit zu gelten. Ich möchte meiner Nichte Stoff zum Nachdenken schenken, möchte ihr Momente der Einsicht und Zuversicht bescheren.
Für alle, die diese Idee aufgreifen möchten: Das Buch „Der Mensch besteht von Fall zu Fall“ sammelt wunderbare Aussagen von Elazar Benyoëtz, die sich ganz besonders gut für einen derartigen Adventskalender eignen.
(geschrieben von Matthias Stöbener)
21.11.2008, 19.19 | (0/0) Kommentare | TB | PL | einsortiert in: Kultur und Gesellschaft | Tags: Aphorismen, Adventskalender selber machen, Weihnachtsstimmung ,
Le Clézio – noch nie gehört
Sollten Sie schon einmal etwas von Jean-Marie Gustave Le Clézio gehört haben, dann haben Sie mir etwas Entscheidendes voraus. Ja selbst unser Oberkritiker Marcel Reich-Ranicki hat noch nichts von ihm gelesen. Überraschend, so hieß es, ging der Literaturnobelpreis an Le Clézio. Der erste Franzose seit 23 Jahren, der diesen Preis erhält. Die Begründung lautete, er sei „Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Exstase“. Eine Million Euro bekommt der Dichter dafür.
Als er eine Pressekonferenz gab, konnte Le Clézio es noch nicht glauben, dass er den begehrten Preis erhielt. „Das ist eine mutige Entscheidung“, sagte er, und „Ich weiß nicht, ob ich den Nobelpreis überhaupt verdient haben“.
In der Zwischenzeit habe ich mich etwas über den Autor informiert. Scheint ein Weltenbummler zu sein und ein Zivilisationskritiker. Er gehört mehreren Kulturen an und weil er mit dem Preis seine Schulden bezahlen will, gönne ich ihm die Million von Herzen.
Als er eine Pressekonferenz gab, konnte Le Clézio es noch nicht glauben, dass er den begehrten Preis erhielt. „Das ist eine mutige Entscheidung“, sagte er, und „Ich weiß nicht, ob ich den Nobelpreis überhaupt verdient haben“.
In der Zwischenzeit habe ich mich etwas über den Autor informiert. Scheint ein Weltenbummler zu sein und ein Zivilisationskritiker. Er gehört mehreren Kulturen an und weil er mit dem Preis seine Schulden bezahlen will, gönne ich ihm die Million von Herzen.
(geschrieben von Matthias Stöbener)
18.11.2008, 12.07 | (0/0) Kommentare | TB | PL | einsortiert in: Autoren | Tags: Le Clézio, Literaturnobelpreis, Marcel Reich-Ranicki,
Neulich im Hausflur
Was meinen Sie, wie sehen Menschen aus, die „Die deutsche Ideologie“ von Karl Marx lesen, Gustav Maler hören und am liebsten „Tod in Venedig“ sehen? Doch sicher nicht ungepflegt, klein, untersetzt, mit Schürze und Hühneraugen als Concierge in einem Pariser Stadthaus arbeitend. Aber genau das ist die 54jährige Renée, die Muriel Barbery in „Die Eleganz des Igels“ beschreibt. Geboren als Hochbegabte aus reichem Haus, kehrt sie sich bewusst von den Reichen und Schönen ab und führt fortan quasi „unerkannt“ ihr eigenes philosophisches Leben. Als ich dieses Buch neulich zur Hand nahm, hatte ich die vielen Putzfrauen und Hausfrauen meines Wohnviertels vor Augen. Allmorgendlich sammeln sie sich vor den Haustüren und tauschen, Wischmob und Eimer in der Hand, lautstark Neuigkeiten aus den Wohnhäusern aus.
Wie schön wäre es doch, wenn auch sie, wie Barberys Protagonistin, lieber über die elfte These Feuerbachs philosophierten anstatt über den Job der neuen Mieterin. Doch wer weiß, vielleicht tun sie es ja - und alles Geklatsche ist nur Show …
(geschrieben von Matthias Stöbener)
17.11.2008, 11.02 | (0/0) Kommentare | TB | PL | einsortiert in: Sonstiges | Tags: Hausflur, Klatsch, Tratsch, Hausfrauen,

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