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Thema: Belletristik

Stendal und Stendhal

Stendhal_kl.jpgStendal ist eine kleine Hansestadt in Sachsen-Anhalt unweit von Magdeburg und hat besonders geringe Niederschlagsmengen. Ansonsten scheint es sich um ein nicht sonderlich auffälliges Städtchen im Osten der Republik zu handeln. Aber es hat doch eine besondere Bewandtnis mit Stendal. Denn dieser Ort ist die Geburtsstadt des Begründers der deutschen Archäologie Johann Joachim Winckelmann.

Bevor Sie gleich anfangen zu gähnen: Der berühmte französische Autor Stendhal benannte sich nach dieser Stadt in der Altmark, möglicherweise war er ein Bewunderer Winckelmanns. Und Stendhal verfasste so wichtige Romane der Weltliteratur wie „Rot und Schwarz“ oder „Die Kartause von Parma“. Einer der großen Franzosen der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Eigentlich hieß der französische Schriftsteller Marie-Henri Beyle und stammte aus Grenoble. Sein Werk „Die Kartause von Parma“ blieb das einzige Buch Stendhals, das noch zu seinen Lebzeiten Erfolg hatte. Und es ist auch wirklich ein großartiges Stück Literatur – nicht nur sein Zeitgenosse Honoré de Balzac äußerte sich begeistert über dieses in nur gut 50 Tagen niedergeschriebene Werk Stendhals.

Die_Kartause_von_Parma_kl.jpgDer junge Adlige Fabrizio del Dongo bringt es in der Zeit der napoleonischen Kriege zu einigem: er nimmt an der Schlacht von Waterloo teil, entschließt sich aber schließlich, eine kirchliche Laufbahn einzuschlagen, weil eine militärische Karriere in diesen Zeiten wenig erfolgversprechend scheint. Durch eine Intrige landet er in der Festung von Parma, wo er sich in die Tochter des Kerkermeisters verliebt. Die verheiratete Frau und der Geistliche haben einen Sohn miteinander, der jedoch ebenso stirbt wie seine Mutter. Daraufhin zieht sich Fabrizio del Dongo in die Kartause von Parma zurück.

Warum ein Kloster in Italien und nicht etwa in Frankreich, wo doch die erste Kartause, ein Kloster des Kartäuserordens, gegründet wurde? Stendhal liebte Italien und sah in der damaligen italienischen Gesellschaft mehr Möglichkeiten als in seiner französischen Heimat. Den interessanten französischen Autor mit dem deutschen Namen und der Vorliebe für Italien sollten Sie sich merken, wie ich finde. Sein vielschichtiges Buch „Die Kartause von Parma“ können Sie hier bei uns entdecken.

„Die Kartause von Parma“  bei Jokers

Bild Stendhal: wikimedia

Jokers 06.08.2010, 12.12 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Jane Austen und die Zombies

Zombie_kl.jpgIch gebe zu: Auch ich habe eine dunkle Seite. Zu meinem Faible literarische Experimente gesellt sich eine leicht anarchische Ader. Diese bekam jüngst neues Futter, als ich von „Stolz und Vorurteil und Zombies“ las. Wie der Titel des gruselig gestalteten Buches vermuten lässt, stützt sich das Werk auf Jane Austens „Stolz und Vorurteil“. In schönster Mash-up-Technik vermischt Seth Grahame-Smith, der sich bislang nur als Drehbuchautor verdient gemacht hat, den Klassiker der Weltliteratur mit Horror- und Splatter-Elementen zu einem Zombie-Roman erster Güte. Der Grund für diese freche, aber witzige Kombination liegt nach Angaben des Autors in seiner Jugend, in der er den Klassiker widerwillig als Pflichtlektüre lesen musste.

Stolz_und_Vorurteil_und_Zombies.jpgWohl als Rache posthum bereicherte er jetzt die Handlung, die er selbst als „langsam und freudlos“ empfand, um trashige Handlungsstränge. Anstatt mit Eheversprechen, Standesproblemen und Rollenverteilung kämpfen die Hauptakteure Elisabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy nun gegen Untote. Aus einem leisen und anspruchsvollen Entwicklungsroman wird ein Action-Abenteuer in Splatter-Manier.

Damit trifft Grahame-Smith zumindest in Amerika den Nerv der Jugend und landete spontan einen Bestseller. Auch ein Autor namens Ben H. Winters hat mit „Sense and sensibility and seamonsters“ und „Android Karenina“ literarischen Klassikern neues „Leben“ eingehaucht. Dem Anspruch des Buchmarktes scheint diese Form der Anarchie jedoch nicht zu schaden. Wie Spiegel online schreibt, steigt in den USA auch die Nachfrage nach Austens Originalromanen.



Stolz und Vorurteil und Zombies bei Jokers

Bild Zombiekatze: Peter Ochsenkühn/pixelio


Jokers 02.08.2010, 11.24 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Früher verschmäht

Theodor_Storm_1886.JPGEntschuldigung, liebe Lehrer, aber das muss jetzt mal gesagt werden: Manchmal kann man als Schüler die Schullektüre gar nicht richtig genießen, vorsichtig formuliert. Ich erinnere mich genau daran. Weil man ein bestimmtes Buch lesen MUSS und sich nicht freiwillig dazu entscheidet. Wenn man dann im späteren Leben noch immer Spaß an Literatur hat, hat man Glück und sicher auch einen tollen Lehrer – die gibt es nämlich auch – gehabt. Und meist entdeckt man erst im Erwachsenenalter, dass sich hinter der ehemals lästigen Lektüre ein richtig gutes Buch verbirgt.

So erging es mir mit einigen Werken Goethes, aber auch Theodor Storm habe ich erst viele Jahre nach der ersten Schulbegegnung mit dem „Schimmelreiter“ noch einmal mit ganz anderem Blick gelesen. Fasziniert war ich schon seit dem ersten Lesen von der tragischen Figur des Hauke Haien. Aber die Komplexität der Rahmenhandlung und das psychologisch Genaue dieser berühmtesten Novelle Storms haben mir noch nicht viel gesagt.

Der ebenso ehrgeizige wie begabte Deichgraf Haien erfüllt sich mit dem Bau eines neuartigen, flacheren Deichs seinen Lebenstraum. Aber in der Dorfgemeinschaft bleibt er der Außenseiter, der er schon immer war. Und deswegen scheut er sich davor, die Dorfbewohner noch einmal zur Arbeit heranzuziehen, als er erkennt, dass die alten Deichreste völlig unterhöhlt und nicht mehr sicher sind.

Schimmelreiter.jpgDie Katastrophe, in der auch der Deichgraf und seine Familie den Tod finden, nimmt ihren Lauf. Und wenn dann geschildert wird, wie der Verstorbene als gespenstischer Schimmelreiter weiter reitet, wird einem schon ein bisschen mulmig zumute. Auch wenn man sonst dem Aberglauben ganz und gar nicht zugeneigt ist. Und: beim Lesen riecht man förmlich Salz und Seegras, hört die Möwen unheimlich krächzen und die Sturmwellen tosen – herrlich!

Ich kann nur empfehlen, der früher verschmähten Schullektüre eine zweite Chance zu geben – sie hat sie, im Fall Theodor Storms jedenfalls mit Sicherheit, bestimmt verdient!

„Der Schimmelreiter“ bei Jokers


Bild Theodor Storm: wikimedia



Jokers 16.07.2010, 10.20 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Kommissar Beck ermittelt

Zugegebenermaßen bin ich nicht der Welt größter Krimifan, aber ein gut gemachter Kriminalroman kann mich trotzdem immer begeistern. Zumal wenn der Ermittler einer vom Schlag des Kommissar Martin Beck ist. So lakonisch, nachdenklich und mit einer so eigenen traurigen Familiengeschichte. Das gefällt mir, und offenbar nicht nur mir: Die inzwischen riesige Fangemeinde des kauzigen Kriminalers kann schließlich nicht irren.

Wenn Kommissar Beck im kühlen Stockholm ermittelt, muss man einfach dranbleiben. Denn hinter den Fällen des Schweden menschelt es oft gewaltig. Da tun sich Abgründe auf in der so heil scheinenden Welt der Nordlichter.

Zwar erschien Martin Beck schon Mitte der sechziger Jahre auf dem Markt, aber erst seit einigen Jahren – mit dem Boom der Schwedenkrimis – wird der Ahnherr dieses Krimi-Genres richtig gewürdigt. Das liegt sicherlich auch an der gut gemachten und erfolgreichen Fernsehserie mit Peter Haber in der Rolle von Kommissar Martin Beck. Hier werden immer auch die Schattenseiten der perfekt wirkenden schwedischen Gesellschaft kritisch thematisiert und Beck selbst ist oft zerknirscht und ratlos – einfach menschlich eben. Das Autorenpaar Per Wahlöö und Maj Sjöwall hat hier wirklich ganze Arbeit geleistet.

Komissar_Beck.jpgDass die Bücher um Martin Beck so einen Spaß machen, liegt auch am Ermittlungsteam. Der rüpelhafte und nicht sonderlich beliebte Gunvald Larsson etwa ist einer dieser Charaktere, mit denen man sich als Leser gern beschäftigt. Oder als Hörer. Denn den Kommissar aus dem hohen Norden gibt es auch als Hörbuch. Ein Genuss – immerhin geben sich hier Kultsprecher wie Christian Brückner oder Hannelore Hoger ein Stelldichein.

Die heutige Devise lautet also: kaufen, hören, feinsten Krimistoff genießen!

„Kommissar Beck ermittelt“ als Hörbuch bei Jokers


Bild Stockholm: Alexander Hauk/pixelio.de



Jokers 14.07.2010, 13.26 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Am besten, man beginnt mit dem Anfang

Blutlinie_kl.jpgNoch nie waren Thriller so angesagt wie heute. Je mehr Horror, Splatter, Gore und Blut drin vorkommt, umso besser lässt sich ein Buch anscheinend verkaufen. Nachdem auch ich erst vor wenigen Jahren mein Interesse an diesem Genre entdeckt hatte, nahm ich mir den Autor Nr. 1 auf diesem Gebiet vor: Simon Beckett. Doch bald hatte ich alle seine Werke durch und war auf der Suche nach frischem Material. Dabei stieß ich zufällig auf „Das Böse in uns“ von Cody McFadyen und griff zu.

Shadowman_kl.jpgAuch dieser amerikanische Autor ist ein Meister auf seinem Gebiet. Allerdings beging ich unbewusst einen fatalen Fehler: Ich stieg mitten in der Reihe ein anstatt mit „Die Blutlinie“ zu beginnen, und erst nach „Der Todeskünstler“ den dritten Thriller zu lesen. Ohne Vorkenntnisse fiel mir schnell auf, wie unrealistisch mitgenommen die Protagonisten waren. Denn die Hauptfigur, Agentin Smoky Barrett, hatte bereits mehr durchgemacht, als ein normaler Mensch in drei Leben. Sie hat Tochter und Ehemann verloren, wurde von üblen Psychopathen mehrfach gefoltert und schließlich aufs Grausigste entstellt. Und dennoch arbeitet sie weiter und jagt Mörder.

Sicher wäre mir der Widerspruch zur Realität nicht aufgefallen, hätte ich, wie bei Beckett, McFadyens Werk chronologisch gelesen. So aber nahm diese Realitätsfremde der Geschichte fast jede Faszination. Natürlich las ich das Buch dennoch bis zum Ende durch. Allerdings lerne ich Agentin Barrett jetzt noch mal ganz neu kennen. Und zwar mit dem ersten Band der Thrillerreihe.

„Die Blutlinie“ auf Englisch: „Shadow Man“ bei Jokers


Jokers 05.07.2010, 16.51 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Unser Bild von Afrika

Afrika.jpgGerade ist Fußball-WM in Südafrika. Hand aufs Herz – was wir so über den Kontinent denken, geht oft in die Richtung: irgendwie wild, irgendwie schwarz. Unser Afrika-Bild scheint zu einem Teil noch immer aus dem imperialen 19. Jahrhundert zu stammen, in dem sich die Europäer auf den Weg in die Weiten des noch fremden Kontinents machten.

Ein Buch, das ganz entscheidend zu unserem Afrika-Bild beitrug, ist Joseph Conrads Weltbestseller „Herz der Finsternis“. Dort, in den Tiefen des Kongo, lauert ein bedrohliches Dickicht aus Wahnsinn und Verderbnis – schlicht das Unheimliche.

Herz_der_Finsternis.jpgWenn Marlow, ein Flusskapitän im Auftrag einer Handelskompanie, in die Tiefen des kongolesischen Dschungels eindringt, kann einem beim Lesen schon mal das Blut in den Adern gefrieren. Dabei liegt das nicht etwa daran, dass Afrika hier besonders schaurig dargestellt wird. Vielmehr entströmt dieses gruselige Gefühl der Figur des zwielichtigen Elfenbeinhändlers Kurtz. Der beutet die Einheimischen aufs Grausamste aus und ist ein absolut skrupelloser Schurke, der dem Wahnsinn nahe ist. Sein Leben haucht er mit den Worten aus: „Das Grauen! Das Grauen!“ Ich kenne kaum eine düsterere literarische Figur als Joseph Conrads Mr. Kurtz. Es ist einfach faszinierend zu sehen, wie sich unter der dünnen Kruste der Zivilisation etwas Wildes Bahn bricht. Eine Reise in die Tiefen des Ungewissen und des eigenen Ichs.

Conrad, der gebürtige Ukrainer aus polnischer Familie, hat mit „Herz der Finsternis“ ein Werk von Weltruhm erschaffen, das nicht nur Vorlage für den Film „Apocalypse Now“ war. Auch Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ wurde von Joseph Conrads Buch inspiriert. Und das Beste: das berühmte Buch gibt es zu diesem Top-Preis nur bei Jokers!


Herz der Finsternis“ bei Jokers

Bild Afrika: Janine Grab-Bolliger/pixelio.de

Jokers 02.07.2010, 16.30 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Auf Schatzsuche

Der_Goldsucher.jpgAuch wenn der Sommer 2010 zickt, lässt sich mein Bedürfnis nach Sonne, Strand und Meer nicht verhageln. An einem verregneten Juni-Wochenende, an dem der Wind besonders kalt um die Häuser pfiff, schnappte ich mir deshalb „Der Goldsucher“ von J.M.G. Le Clézio, der vor zwei Jahren den Literaturnobelpreis erhielt. Wie der Klappentext versprach, sollte es ein Abenteuerroman um einen Jungen sein, der den sagenhaften Goldschatz des Korsaren finden möchte.

Besser hätte ich es nicht treffen können. Denn das Buch beginnt im tropischen Paradies der Insel Mauritius. In unendlich poetischen Bildern beschreibt Le Clézio, wie sogar im Winter die Tage sonnendurchflutet dahin fließen, die Wellen sich warm und sanft am Muschelstrand brechen. Die Handlung nimmt eine jähe Wendung, als die Familie durch den Geschäftsbankrott des Vaters verarmt und ein Zyklon die Idylle verwüstet. Um der Familie den alten Wohlstand zurückzubringen, macht sich Protagonist Alexis mit einem Segelschoner auf die Suche nach dem Gold des Korsaren, dessen Versteck sein Vater ihm kurz vor seinem Tod verraten hatte. Doch bis auf die Liebe zu Uma, einer jungen Schwarzen, findet er nichts.

Mauritius_kl.jpgAls der erste Weltkrieg ausbricht, meldet sich Alexis freiwillig bei der englischen Armee. Der Traum vom Paradies scheint endgültig zerstört, als er nach „toten Jahren“ im Krieg in die Heimat zurückkehrt. Dort ist nichts mehr, wie es war, die Familie ist ihm fremd, Uma nicht mehr da, die Suche nach dem Schatz gescheitert. Doch hier tritt die poetische Leistung Le Clézios hervor. Denn anstatt an Verlorenem zu verzweifeln, entdeckt Alexis etwas viel Wertvolleres als das Gold des Korsaren: den eigenen Schatz in sich selbst.

„Der Goldsucher“ bei Jokers

Bild Mauritius: Gloria Holsatia/pixelio.de

Jokers 30.06.2010, 15.59 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Sorry

Sorry.jpg„Es tut mir leid“ war laut Elton John schon immer einer der schwierigsten Sätze. Wie schwer das Thema „Entschuldigung“ für einen Schriftsteller sein kann, zeigt Zoran Drvenkar mit seinem neuesten Werk „Sorry“. Die spannungsgeladene Geschichte dreht sich um vier Berliner, die mit ihrer Agentur für Entschuldigungen eine lukrative Geschäftsidee verwirklichen. Eines Tages liegt vor den Agenturtüren eine verstümmelte Frauenleiche. Der Auftrag: Die vier Unternehmer sollen sich bei ihr für die schweren Todesqualen entschuldigen.

Nach eigenen Aussagen nahm den Autor die eigene Geschichte so schwer mit, dass er in der Mitte des Buches aufhörte zu schreiben. Stattdessen schob Drvenkar lieber noch zwei Kinderbücher dazwischen. Erst danach nahm er das Entschuldigungshema wieder auf, rasierte sich nicht mehr und schrieb das Werk in vier Monaten zu Ende. Die brillantesten Geschichtenerzähler, wie z. B. auch Umberto Eco oder Rafik Schami, beherrschen meist mehrere höchst unterschiedliche Metiers. Und je mehr Fachgebiete der Autor kennt, desto spannender werden die einzelnen Bücher, meine ich.


Jokers 25.06.2010, 15.21 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Netzkarte

Bahnschiene_klein.jpgIch mag Bücher über Taugenichtse, Flaneure und Hochstapler. Warum? Vielleicht weil diese Herrschaften einfach tun, was sie möchten und nichts darauf geben, was die Gesellschaft von ihnen erwartet. Sie sind lässig und unabhängig, selbstironisch, entspannt und nachdenklich ohne Grübler zu sein. Manchmal suchen sie auch nach dem für sie richtigen Lebensweg.

Angefangen hat meine große Sympathie für Nichtstuer und Schlitzohren mit der Lektüre von Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ – spritzig, leicht und mit einem faszinierenden Protagonisten, der das Leben liebt. Auch bei Wilhelm Genazino tauchen solche Herren gern auf – komisch, diese Sorte Mensch wird in der Literatur meist von Männern verkörpert. Offensichtlich trauen Autoren eher Männern als Frauen diese liebenswerte Unverfrorenheit zu ...

Netzkarte.jpgEin weiterer Vertreter dieser Spezies taucht bei Sten Nadolny in seinem Roman „Netzkarte“ auf. Er heißt Ole Reuter und begibt sich mit besagter Fahrkarte, die dem Buch den Titel gibt, einen Monat auf die Reise. Kreuz und quer durch Deutschland fährt der junge Mann, lässt sich treiben und mag sich so gar nicht festlegen. Ein windiger Filou ist dieser Ole Reuter aber nicht. Er steht kurz vor seinem Lehramts-Staatsexamen, als er sich zu der Fahrt entschließt. Ein letzter, wenn auch eher zahmer „Ausbruch“, bevor die Berufstätigkeit beginnt? Oder eher eine Suche? Nach Erlebnissen, vielleicht sogar nach sich selbst? Sicher spielt hier all das eine Rolle.

Sten Nadolny gelingt es bravourös, das Nachdenken über das eigene Leben, über Entscheidungen oder Entscheidungsvermeidungen zu schildern. Ein bisschen schimmert in diesem frühen Werk Nadolnys schon das Thema des Lebenstempos hindurch, das dann in seinem späteren Bestseller „Die Entdeckung der Langsamkeit“ zum Hauptmotiv wird. Ein spannendes Buch also, diese „Netzkarte“, und ich empfehle es nicht nur als Zuglektüre!


Bild Schienen: Thorben Wengert/pixelio.de

Jokers 09.06.2010, 12.35 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Auf der Suche nach einem geglückten Leben

Ein hergelaufener Hund und eine wunderliche russische Aristokratin. Diese beiden bringen das Leben der nicht mehr ganz jungen Johanna komplett durcheinander. Der Hund heißt Bredow, weil Johanna ihn an der gleichnamigen Autobahnauffahrt findet, und sein neues Frauchen liebt ihn innig. Denn er sprudelt vor Lebensfreude und Zuneigung – und das sind genau die Dinge, die Johanna in ihrem Leben zu vermissen beginnt. Seit 30 Jahren ist die Biografienschreiberin mit Achim verheiratet, der sich als Forscher hinter seinen Büchern verschanzt. Beide arbeiten zu Hause, man kennt sich in- und auswendig, die Tage ähneln einander, Bekanntenkreis und Freizeitgestaltung im Berlin der Nachwendezeit bergen kaum Überraschungen. Und so fragt sich Johanna, ob es nicht noch mehr gibt im Leben. So etwas wie Glück.

Ach_Glueck.jpgNach dem zotteligen Vierbeiner ist es ein russischer Galerist, der diese geheime Sinnsuche Johannas anfeuert; er stellt nämlich den Kontakt zu Natalia Timofejewna her. Die alte Aristokratin ist auf der Suche nach ihrer Jugendfreundin Leonora Carrington, einer schrulligen, etwas verrückten Künstlerin, die in Mexiko lebt. Johanna bekommt das Angebot, die selbstbewusste alte Dame zu begleiten. Und das Erstaunliche ist: Sie tut es tatsächlich, sie geht das Wagnis ein, mit einer ihr fast unbekannten Frau eine zwölfstündige Flugreise ins Ungewisse zu unternehmen. Zurück lässt sie einen zutiefst verunsicherten Ehemann, der ruhelos umherstreift und sich fragt, warum sich seine Frau plötzlich so merkwürdig verhält.

Monika Maron schildert die Gefühlslage des Ehepaares durchweg sensibel und klug. Alles, was sich bereits im Titel ausdrückt, kommt in dem Roman zum Tragen: „Ach Glück“ – das sind Wehmut, Selbstironie, ein Hauch Verbitterung und eine Prise Spott. Der Ausgang, soviel sei verraten, bleibt offen. Das macht nichts, denn um ein Ergebnis kann es in einer solchen Gefühls-Gemengelage nicht gehen. Aber das, worum es geht, die Schilderung der Suche nach einem geglückten Leben, das gelingt Monika Maron in diesem Buch wirklich meisterhaft.

„Ach Glück“ bei Jokers


Jokers 03.06.2010, 13.27 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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