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Blogeinträge (themensortiert)

Thema: Philosophie

Eile mit Weile

Wenn mich eins ärgert, dann ist es Hektik. Sei es an der Kasse, wenn mir ein Einkaufswagen drängelnd in meinen Allerwertesten stößt, sei es auf der Landstraße, wenn hinter mir jemand zu hupen beginnt, weil ihm meine 120 km/h immer noch zu wenig sind, oder sei, wenn meine Bekannte im halbstündlichen Rhythmus auf den Anrufbeantworter spricht, warum ich denn nicht auf dem Handy zu erreichen sei…

In solchen Momenten denke ich fast schon wehmütig an meinen Onkel zurück. Er hatte eine Werkstatt, in der er unter anderem auch Segelboote baute. Dabei konnte es durchaus vorkommen, dass er für ein Boot an die zehn Jahre brauchte, bis es fertig war. Dafür war es dann eine wunderschöne Yacht, die in allen Gewässern, die sie besegelte, viel beachtet und bestaunt wurde.

LangsamkeitÄhnlich wie John Franklin in Sten Nadolnys „Entdeckung der Lang- samkeit“ ließ mein Onkel sich von nichts irritieren. Zwar wurde er, anders als Franklin, soweit ich weiß nie wegen seiner Gründ- lichkeit von anderen verspottet. Seine Akribie aber war schon vor 20 Jahren ungewöhnlich.

Noch einmal zu Nadolny: Als Zehnjähriger ist John Franklin nicht in der Lage, mit Gleichaltrigen Ball zu spielen. Der Ball fliegt für Franklins Verhältnisse viel zu schnell, er kann ihm nicht folgen. Dafür ist kein anderes Kind fähig, die Schnur, über die der Ball fliegt, so ruhig und ausdauernd zu halten wie er. Dank seiner Langsamkeit schafft es Franklin schließlich mit seinem Schiff bis an den Nordpol vorzustoßen. Am Rande sei bemerkt, dass das eine der wenigen Parallelen zum tatsächlichen Nordpolentdecker John Franklin ist. Von ihm ist in Wahrheit nirgendwo überliefert, dass er langsamer als andere war.

Mein Onkel auf der anderen Seite konnte Monate damit verbringen, über der Lasur für das Holzdeck zu grübeln. Auch wenn manchem Auftraggeber die Ausführung durch ihn zu langsam vonstatten ging, rühmten sie seine Schiffe in ihrem Gesamtbild über die Maßen. Und auf das Ergebnis kommt es doch an, oder?

Jokers 22.02.2007, 08.46 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Eine vegetarische Weihnachtsgeschichte

WeihnachtsmarktMein erster Besuch auf dem Christkindlesmarkt gilt wie seit Jahren der Bretterbude mit den Kartoffelpuffern. Dabei komme ich an einer lebendigen Krippe vorbei, in der ein Esel, ein Schaf und eine Kuh stehen. Beauf- sichtigt vom Bauern. Ich oute mich als Tierfreund und ver- suche die Tiere zu streicheln. Beim Schaf gelingt es mir. Mit dieser verfestigten Tierliebe in der Brust wandle, nein, schwebe ich zur Bude mit den duftenden Kartoffelpuffern, die auf einem großen Blech im Fett brutzeln. In dieser Stimmung könnte ich keine Bratwurst hinunterschlingen, für die ein Tier sein Leben lassen musste. Auch wenn es auf meinem Christ- kindlesmarkt noch keine Schafswurst mit Senf oder Ketchup gibt. Dieses Jahr hat sich die Beilagenauswahl zu den Kartoffelpuffern gewaltig erhöht. Es gibt nun auch Joghurt oder Marmelade dazu. Ich nehme – wie immer – die drei Kartoffelpuffer ohne Beilagen. Also pur. Nur leicht gesalzen. Die kreisrunden, gelbbraun gerösteten Kartoffeldinger verputze ich unter Augustus. Sie kennen ihn nicht? Es ist der römische Kaiser Augustus. Eine bronzene Brunnenfigur. Er steht hier, auf einem Sockel, als Brunnenfigur über dem Brunnen, dessen Becken mit Brettern verschlossen ist, neben dem Weihnachtsmarkt und reckt seine richtungweisend Hand zum Rathaus hinüber.

Es war genau dieser Kaiser, der damals eine Volkszählung beauftragte, die bewirkte, dass Joseph und Maria nach Bethlehem loszogen. Und dann wurde ihnen ein Kind im Stall geboren. Man kennt diese Geschichte. Eine wunderbare Geschichte. Die Weihnachtsgeschichte. Ich komme ins Nachsinnen. Was diese Familie damals wohl gegessen hat? Sicherlich nicht Kartoffelpuffer. Genauso wenig eine Bratwurst. Eine Gans, eine Ente oder einen Karpfen auch nicht. Aber was dann? Ich sollte auch deswegen mal wieder ins Neue Testament schauen - oder in ein Bibel-Lexikon. Ich würde das gerne auch mal essen, was Maria und Joseph gegessen haben, als sie zur Volkszählung gezogen sind. Hoffentlich waren das nicht geröstete Heuschrecken … Ich schüttelte mich. Jedoch blieb die Frage: Was würde zu Weihnachten bei mir auf den Tisch kommen, wenn ich essen würde, was Jesu Eltern aßen.

Ich schlendere weiter über den Christkindlesmarkt. Der Anblick eines Stollens erlöst mich von meinen unruhigen Gedanken. Ja, sage ich mir, ich werde mir eine stressfreie Küche am Heiligen Abend gönnen. Es wird bei mir herrlich riechenden und dampfenden Früchte-Tee mit Zimtgeschmack aus der Kanne und ein paar Scheiben Dresdner Stollen geben. Und als geistige Nahrung, wenn ich die Weihnachtsgeschichten aus aller Welt lese, erklingen aus dem Radio die schönsten Weihnachtslieder. Ich bin sicher, meine Augen werden leuchten.

Jokers 19.12.2006, 20.27 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Die Röhre ist weg

Ich habe mich getrennt. Vor einer Woche ist mein Fernseher kaputt gegangen. Ich schaltete ihn ein, es machte „pling“ – und das war es. Nach über 10 Jahren inniger Beziehung verabschiedete er sich von mir. Einfach so. Zu richten ist er nicht mehr, wie mir ein befreundeter Elektroniker verkündete. Sein fachkundiger Blick in die Eingeweide des Kastens verriet schnell: „Da ist nichts mehr zu machen.“

TVEs ist verblüffend. Seit ich „ohne“ bin, nimmt alle Welt Anteil an meinem „Schicksal“. Freunde, Arbeitskollegen, ja sogar Nachbarn, die beobachtet haben, wie ich den Fernseher aus der Wohnung getragen habe, fragen mich: „Was willst du denn jetzt machen?“ „Gerade in diesen düsteren Monaten hält es doch keiner daheim aus ohne Glotze.“ „Da wird man doch depressiv.“ Fast jeder, der von meinem Dasein „ohne“ erfährt, hat irgendwo einen alten Fernseher stehen, den ich natürlich gerne haben könne. Rührend einerseits, andererseits aber etwas beunruhigend. „Ist es denn so schlimm, ohne Fernseher zu leben?“, frage ich mich seitdem. Jetzt stehe ich an einem Scheideweg. Ich kann eins der vielen Angebote annehmen und mir wieder eine Röhre ins Wohnzimmer stellen. Ich kann es aber auch sein lassen und das Abenteuer eingehen, mal ganz ohne Fernseher zu leben. Das hat durchaus auch sein Gutes. Wie oft liege ich „nur so“ auf der Couch herum und sehe mir Sendungen an, die mich nicht wirklich interessieren. Einfach nur, weil mir gerade nichts Besseres einfällt. Wie viel sinnvoller könnte ich stattdessen meine Freizeit gestalten! Wieder zeichnen, Tagebuch schreiben, Musik hören oder lesen.

Die Entscheidung ist gefallen: Ich stelle mich der Herausforderung. Ein entscheidender Schritt zur sinnvolleren Freizeitgestaltung ist getan. Gestern habe ich das Podest, auf dem der Fernseher jahrelang als Mittelpunkt meines Wohnzimmers thronte, in den Keller gebracht. Erstaunlich viel Platz ist an dieser Stelle frei geworden. So viel Platz, dass gleich ein neues Bücherregal den Weg in mein Heim gefunden hat. In diesem haben jetzt die Bücher ein neues Zuhause gefunden, die schon seit Jahren ein nicht ganz artgerechtes Dasein in unserem Keller und unserer Wohnung fristeten. In alle Richtungen gestapelt standen sie in Bad, Küche, Schlafzimmer herum, waren zwischen andere Bücherreihen gequetscht oder lagen verstreut auf dem Boden in meinem Arbeitszimmer. Damit ist jetzt Schluss.

Seit die Glotze raus ist, habe ich schon deutlich mehr gelesen. Gestern habe ich endlich den überfälligen Brief an einen lieben Freund in Berlin geschrieben. Vorhin habe ich zum ersten Mal seit langem wieder meine Lieblingsmusik angehört. Das Experiment fängt an, Spaß zu machen. Mal sehen, wie es sich entwickelt ... Für den Ernstfall habe ich ja noch das Internet!

Jokers 07.12.2006, 10.05 | (1/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Woody Allen

Letztens auf einer Feier hatte ein Gast zu fortgeschrittener Stunde die Idee, ein Spiel zu spielen: Wir anderen sollten unsere Lieblingszitate auf Zettel schreiben. Dann sollten die Zettel gezogen werden, und das Publikum (außer dem Schreiber) sollte raten, wer der Autor des Ausspruchs war.

Relativ einfach war es, "cogito ergo sum" zuzuordnen: Ein Philo- sophie-Student im 20. Semester, der immer noch an an seiner Dis- sertation schrieb, konnte diesen Spruch von Descartes als Ent- schuldigung für seine Uni-Semester erraten. Aber jetzt halten Sie sich fest: Welchem Genie würden Sie diese humorige Sätze, die wir verbleibenden Zitate-Liebhaber teils in Deutsch, teils in Englisch, notierten, zuordnen?

"I'm not afraid to die. I just don't want to be there when it happens."

"Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch..."

"Depressionen sind mein täglich Brot. Aber wenn´s an die Arbeit geht, kann ich mir diesen negativen Luxus nicht mehr leisten..."

"Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende."

"Ein Junggeselle ist ein Mann, der nur ein einziges Problem hat - und das ist lösbar."

Bei dem Genie handelt sich um keinen anderen als den größten und liebenswerten Alltagsverzweifelten: Woody Allen. Er war der Schöpfer all dieser Zitate!

Klicken sie doch mal in unser Spezial-Jokers-Programm - es sind nämlich noch ein paar wenige literarische T-Shirts im Angebot, unter anderem mit meinem Lieblingszitat! Welches das ist, verrate ich aber nicht.



Jokers 17.11.2006, 08.26 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Die Entdeckung des Single-Daseins

Das Leben trifft manche Menschen schon hart. Zum Beispiel eine gute Freundin von mir. Nach 10 Jahren Ehe hat sie sich jetzt von ihrem Mann getrennt. Und vor wenigen Tagen ging auch noch ihr Fernseher kaputt. Zwei Ereignisse, an denen sie hart zu knabbern hatte. Zumindest bis zu meinem Besuch bei ihr neulich. Ich schaute mal wieder vorbei, um sie ein bisschen aufzumuntern und aus ihrem Elend zu schrecken.

„Ich weiß gar nicht, was ich mit meiner Freizeit anstellen soll!“ begrüßte sie mich schon an der Haustür. Ihre Freunde könnten sie nicht jeden Tag ablenken, die Bücher, die ich ihr zu Beginn ihres Single-Daseins gebracht hatte, hätte sie bereits ausgelesen. Und überhaupt: Dies sei das erste Mal in ihrem Leben, dass sie sich ohne Freund/Mann allein mit sich selbst beschäftigten müsse. „Na, dann wird es aber höchste Zeit!“, rief ich entsetzt aus. Und erzählte ihr die Geschichte eines starken, unabhängigen Mädchens.

Pipi LangstrumpfDie junge Frau, die übrigens Hauptfigur einer Buchreihe ist, lebt allein in einem großen Haus, hat weder Fernseher noch CD-Player, geschweige denn eine Spiele-Konsole. Sie ist Single, hat bis auf einen weit entfernt lebenden Vater keine Familie, keinen Job und ihre Freunde stehen ihr auch nicht nonstop zur Verfügung. In ihrer grenzenlosen Freizeit beschäftigt sie sich ausschließ- lich mit sich, ihren Tieren und ihrem Haus. Sie vertieft sich gern in ihre Muschelsammlung, malt und zeichnet, tanzt und sprüht geradezu vor Ideen. Sie fliegt mit ihrem Bett über die Weltmeere, spaziert dank Spezialkleber auf der Zimmerdecke herum und verprügelt Einbrecher …

Na ja, alles nicht unbedingt leicht nachzuahmen, aber immerhin: Als ich meiner Freundin von dieser Person erzählte, für die Einsamkeit etwas Schönes, Kreatives, Bereicherndes bedeutet, besserte sich ihre Laune schlagartig. „Wer ist denn dieser Über-Single?“, fragte sie mich. Ich verriet ihr den Namen des wohl coolsten Mädchens der Welt: Pipi Langstrumpf.

Jokers 29.10.2006, 12.00 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Gibt es das noch?

Neulich las ich eine Liebesgeschichte, die mich wirklich berührte. In „Das böse Mädchen“ erzählt Mario Vargas Llosa von einer Romanze, die fast 40 Jahre überdauert. Er erzählt von grenzenloser Liebe, allerdings nicht im klassischen Stil.

Wo die Sehnsucht das Herz berührtEr liebt sie, sie liebt ihn, und wenn sie nicht gestorben sind - dann lieben sie sich noch heute? Von wegen! Im Gegenteil: Er liebt sie, aber sie betrügt, belügt und verlässt ihn über all die Jahre immer aufs Neue. Nach wilden Abenteuern kehrt sie jedoch immer wieder zu ihm zurück (in Wahrheit liebt sie ihn nämlich auch). Er geißelt sich zwar ob seiner Dummheit, doch seine Liebe ist stärker, und so beginnt die Romanze von Neuem – bis sie ihn wieder von einem Tag auf den anderen verlässt. Diese „Intermezzo-Beziehung“ dauert das ganze Leben der beiden an. Bis sie ein letztes Mal zu ihm zurückkehrt und dann – man höre und staune - bis zu ihrem Lebensende bei ihm bleibt. Nach 38 Tagen des Zu- sammenlebens im Alter erliegt sie schließlich dem Krebs.

Diese Geschichte beschäftigte mich, und ich begann zu grübeln: Kenne ich irgendjemanden, der ähnlich ausdauernd in seiner Liebesfähigkeit ist oder war?

Ein Zeichen der heutigen Zeit ist ihre Kurzlebigkeit. Im Jahr 2003 lag laut Bundeszentrale für politische Bildung die Scheidungsrate in den alten Bundesländern bei 44 Prozent, in den neuen bei 37 Prozent. In Großstädten ging sogar knapp die Hälfte aller Ehen in die Brüche. Immerhin heißt das, dass knapp jede zweite Ehe gut geht. Also ein bzw. zwei Leben lang hält. Wirklich getröstet hat mich diese Erkenntnis nicht. Eine Ehe kann aus vielen Gründen halten, die nicht unbedingt etwas mit Liebe zu tun haben. Also: Wo ist die wahre Liebe, die trotz großer Widrigkeiten ein Leben lang hält?

Tango fuer dreiTatsächlich fand ich sie. Der Stiefvater einer guten Freundin hat nach fast 50 Jahren seine Jugendliebe, die er über die Jahre nie ganz vergessen hatte, doch noch geheiratet. Schon mit 18 Jahren hatte sich Martin in Elisabeth verliebt. Doch sein Freund war schneller. Und so musste der von Haus aus schüchterne junge Mann zusehen, wie seine große Liebe einen anderen heiratete. Die beiden lebten viele Jahre glücklich und zufrieden. Irgendwann heiratete schließlich auch Martin. Auf gemeinsamen Festen begegneten sich die zwei Pärchen oft, feierten mit- einander. Bis schließlich vor 10 Jahren Elisabeths Ehe in die Brüche ging. Martin hielt an seiner fest, zumal er in den gemeinsamen Jahren Sabine wirklich gern gewonnen hatte – bis sie ihn wegen eines anderen Mannes sitzen ließ. Der Zufall wollte es, dass Martin und Elisabeth sich auf der Beerdigung eines gemeinsamen Freundes nach Jahren wieder trafen. Die alte Liebe war sofort wieder da. Jetzt, beide sind mittlerweile weit über 60 Jahre alt, genießen sie ihr Leben zu zweit, und „nichts kann uns mehr trennen“, wie Martin erst neulich wieder betonte. Mario Vargas Llosa hätte es nicht schöner schreiben können …

Lust auf Liebesromane?

Jokers 25.10.2006, 09.12 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Kein Eis am Stiel mehr

Endlich ist er wieder da: der Herbst. Meine Lieblingsjahreszeit. Selten sind die Tage so golden und klar wie im Oktober. Selten liegt in der Luft so ein melancholisch verträumter Hauch von Abschied. Und immer, wenn die Bäume wieder bunt, die Hagebutten rot werden und der Herbstwind das Laub vor sich her treibt, geht mir Georg Trakls „Verklärter Herbst“ durch den Kopf.

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

herbstUnd ich muss gestehen: Ich freue mich auf das „Schwei- gen“, auf die dunkle Jahreszeit, auf die Ruhe. Dass ich mich wieder ohne schlechtes Ge- wissen in meinen gemütlichen Lesesessel setzen und aus- giebig der Literatur frönen darf. Nennen Sie mich ruhig einen Melancholiker. Aber ich genie- ße einfach die ruhige Zeit des Jahres. Ich freue mich, dass es wieder erlaubt ist sich zurückzuziehen in die eigenen vier Wände. Wenn draußen keine Sonne lacht, keine Vögel tirilieren, kein Badesee, kein Beach-Volleyball und kein Eis am Stiel im Freien lockt. Dann ist für mich die Zeit, zu lesen, zu schreiben. Oder einfach wieder ein bisschen mehr zu mir zu finden.

Jokers 19.10.2006, 09.44 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Verkopft

Eine Freundin studierte Philosophie: Noch immer knabbert sie an einem der Rätsel, die ihr diese Wissenschaft mit auf den Weg gab. Manchmal ist es äußerst unterhaltsam, einige Zeit mit ihr zu verbringen. Denn aus heiterem Himmel holen sie plötzlich die großen Fragen ein.

RegenbogenLetztens bewunderten wir beispiels- weise einen farbenprächtigen Regen- bogen: Seine wunderschöne Farben leuchteten aus einem blass violetten Himmel herab. "Sieh nur, dieses zarte Grün!", seufzte ich. Auch sie war sprachlos angesichts dieses Natur- spektakels - aber nicht lange. Dann machte er sich wieder bemerkbar, dieser kleine zweifelnde Quälgeist, der ihr so manche unruhige Nacht bescherte: "Aber siehst du wirklich dasselbe Grün wie ich?", fragte sie mich und ich blickte sie überrascht an. "Ja, wir sehen die unterschiedlichen Wellenlängen des Lichts, das auf die Netzhaut unseres Auges trifft, als bestimmte Farben - aber um diese Wellenlänge als Farbe zu ERKEN- NEN, ist noch ein rein subjektiver In- terpretationsvorgang unseres Gehirns notwendig. Dieses Grün ist mithin ganz und gar privat - es entsteht erst in deinem Bewusstsein. Wer sagt, dass dieses Grün, das du siehst, nicht in Wahrheit mein Rot ist? Vielleicht ist tatsächlich ALLES, was wir erleben, zu sehen glauben, nur aufgrund einer sprachlichen Konvention vergleichbar."

Ich war nahe am Verzweifeln: Wie konnte meine Freundin nur die Faszination dieses Augenblicks mit ihren philosophischen Gedanken hinterfragen? Wie gerne wollte ich ihr klar machen, dass es in manchen Momenten gar nicht darauf ankommt, das zu begreifen, was "die Welt im Innersten zusammenhält".

Aber leider fühle ich mich in der Welt der großen Denker, in ihrem Vokabular etwas fremd - ich wusste schlichtweg nicht, wie ich meine Erkenntnis in Worte packen sollte. Und da nahm ich mir fest vor, wieder ein wenig in unserer Philosophen-Bibliothek zu schmökern: Nächstes Mal würde ich ihr deutlich machen können, dass ein Regenbogen auch einfach mal nur genossen werden kann. Ohne Zweifel, ohne Hinterfragen.


Ich warne Sie vor zu viel Nachdenken!


Jokers 27.08.2006, 09.54 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Mehr als kalter Kaffee

Hand auf’s Herz: Sind Sie Kaffee- oder Teetrinker? Immer wieder stelle ich erstaunt fest, dass sich die Menschen in der Tat ziemlich genau in diese Gruppen einteilen lassen. Nach dem Motto „man liebt es oder man hasst es“ gibt es selten Schattierungen dazwischen. In Geschäftsge- sprächen erntet man mitunter sogar einen reichlich verwunderten Blick, wenn man anstatt des obligatorischen Kaffees doch lieber Tee wünscht.

TeeliebeIch für meinen Teil muss ge- stehen, ich bin ein Teetrinker. Und ich liebe es, die Zubereitung von Tee ein bisschen zu zelebrieren. In unserer Küche stehen dutzende Teebüchsen befüllt mit wohlduft- enden Tees, von Pu Erh, über Earl Grey oder Rooibos bis hin zu Lapacho. Eine gute Tasse Tee zu einem guten Buch, das ist für mich eine Kombination wie Sommer und Balkon.

Ab und an darf es natürlich auch eine Tasse Kaffee sein. So ein radikaler Tee-Fan bin ich dann auch nicht. Aber dann steigt mir das ungewohnte Koffein schnell zu Kopf bzw. zu Herz. Irgendwie bekommt mir Tee besser. Und: Ich stehe einfach auf das Besinnliche beim Zubereiten, auf das Aufbrühen, Ziehen lassen, Abtunken. Alles andere ist irgendwie kalter Kaffee …

Und Sie? Kaffee- oder Teetrinker?

Jokers 20.08.2006, 15.09 | (2/0) Kommentare (RSS) | TB | PL

Trau dich!

Neulich bekam ich einen Brief von Alfred Hornauer. Kennen Sie ihn auch? Also, wenn Sie verheiratet sind, dann könnten Sie ihn kennen. Er ist der Chef meines Standesamtes. Er führt die amtlichen Trauungen durch. Er besiegelt mit einer Urkunde als offizieller Vertreter der Kommu- ne den Bund des Lebens, den zwei Personen schließen.

HochzeitspaarVon einem Journalisten wurde er gefragt, an welche besonderen Vor- kommnisse er sich bei den tausenden von Trauungen erinnere, die er durch- geführt hat. Einmal habe eine Frau NEIN statt JA gesagt, wusste Hornauer zu berichten. Die hätte aber nur Spaß gemacht. Später habe sie dann schon JA gesagt zu ihrem zukünftigen Gatten. Ganz anders in Film und Literatur. Da wimmelt es von Hochzeiten, bei denen die Braut oder der Bräutigam NEIN statt JA sagt. Noch schöner sind die Filme und Bücher, bei denen der wirkliche Geliebte, die wirkliche Geliebte bei der Trauungszeremonie auftaucht und dann die Braut, den Bräutigam vor den Augen der entsetzten Hochzeitgäste mit nimmt. Der falsche Partner steht dann dumm da - mit den unnützen Ringen in der Hand. Da ist die Schadenfreude groß. Das sind Momente im Leben, mit denen niemand rechnet. Keine und keiner rechnen will. Im richtigen Leben sicherlich zu Recht, wie Alfred Hornauer bestätigt.

frisch verheiratetAls einen wunderbaren Beruf hat Alfred Hornauer seine Arbeit im Standesamt in dem Brief an mich bezeichnet. Verschwiegen hat er mir allerdings, was er sich denkt, wenn er Leuten begegnet, die er verheiratet hat, die sich aber scheiden haben lassen. Ist das nicht frustrierend? Oder denkt er sich, dass auch in anderen Berufen nicht alles perfekt klappt? Sagt er sich: Nichts hält ewig, auch wenn es mit größter Mühe und Liebe hergestellt wird? Auf jeden Fall ist eine Trauung weitaus unkomplizierter als eine Scheidung. Damit beschäftigen sich dann Rechtsanwälte und Richter. Dann geht es auch um den Besitz und die Kinder. Vielleicht sollte der oder die eine oder andere vor dem Standesbeamten doch öfters NEIN sagen?


Die Kandidatin - wenn der schönste Tag des Lebens zum Alptraum wird





Jokers 05.08.2006, 16.29 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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