Mein Erlebnis mit der “Kraft”

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Der anstehende Frühling und die Hoffnung auf warme Sonnentage zum Fahrradfahren trieben mich neulich zur Fahrradwerkstatt um die Ecke. Ich wollte meine verrostete Fahrradkette und die etwas schwächlichen Bremsen wieder auf Vordermann bringen lassen und so frisch und mobil dem Frühling entgegen radeln.

In der Werkstatt angekommen empfing mich der Chefmechaniker mit lapidarem Gruß: "Das macht heute mal unsere neue Kraft!" und zeigte auf den hinteren Teil der Werkstatt. Ich schob mein Rad zu dem geheißenen Ort, wo besagte "Kraft" mich schon erwartete und sich sofort ans Schrauben machte.

"Na, die Kette macht´s auch nicht mehr lang," sprach die "Kraft" und verarztete mein Rad in Sekundenschnelle. Mir blieb kaum Zeit zum Staunen. So flugs ging das. Ich konnte schier nicht erkennen, bei wem ich mich für die Pronto-Hilfe bedanken konnte. Nicht, dass das Namenschild fehlte: Auf der Brust der Mechaniker-"Kraft" stand wohl der Nachname "Huber“. Doch mir machte mehr der Vorname, genauer, das Geschlecht Kopfzerbrechen. Denn ich konnte selbst beim besten Willen nicht sagen, ob es sich bei der eher zarten, aber agilen Gestalt um eine Mechanikerin oder einen Mechaniker handelte.

Meine Unsicherheit wurde weiter gesteigert, als er/sie mich immer deutlicher an Virginia Woolfs "Orlando" erinnerte. Helle Haut und Augen, mittellange Haare, schlanke, aber nicht zerbrechlich wirkende Figur und eine starke, aber nicht unfreundliche Ausstrahlung – mein/e Mechaniker/in und die androgyne Romanfigur, die im Laufe der Geschichte ihr Geschlecht wechselt, schienen sich bis aufs Haar zu gleichen.

All dies machte mich so verlegen, dass ich, an der Kasse angelangt, nicht wusste, wem ich da danken und Trinkgeld hinterlassen durfte. Daheim zog ich gleich den Roman hervor und entschloss mich, die "Kraft" beim nächsten Fahrradproblem einfach nach dem Vornamen zu fragen und damit das peinliche Problem endgültig aus der Welt zu schaffen. Die Fahrradsaison ist ja noch lang.

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